Wir stellen vor: Stefan Meißner

Wer bist du und was machst du? Stelle dich bitte kurz vor!

Ich bin Stefan Meißner. Nach meinem Studium der Soziologie in Dresden und Trento (Italien) habe ich zunächst 5 Jahre bei seto gearbeitet und dort den Bereich Mousetracking (m-pathy.com) aufgebaut und verantwortet. Mit Mousetracking haben wir eine neue Methode v.a. für die User Experience-Forschung von Websites etabliert und diese zwischen qualitativer Usabilityforschung mit Probanden und statistischer Website-Analyse positioniert. Während dieser anregenden Pionierarbeit stellte ich jedoch immer mehr fest, dass ich gern die mit den neuen digitalen Technologien verbundenen gesellschaftlichen Konsequenzen analysieren und durchdenken wollte. Deshalb habe ich 2012 eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Mediensoziologie an der Bauhaus-Universität Weimar angenommen, dort meine Dissertation „Techniken des Sozialen. Praxeologische Analysen des Zusammenarbeitens in Unternehmen“ verfasst und im letzten Jahr erfolgreich verteidigt. Neben dieser eher organisationssoziologisch angelegten Arbeit habe ich mich mit Gamification, Quantified Self und der Hintergrundideologie des Solutionism beschäftigt und will diesen Interessen zukünftig schwerpunktmäßig nachgehen.

Bezogen auf dein Forschungs- bzw. Arbeitsfeld: Welche Herausforderungen und Chancen ergeben sich durch den Umbruch der Digitalen Gesellschaft?

Ich denke, dass die Herausforderungen und Chancen dieselben sind, die wir seit Anbeginn der Moderne erfahren haben. Mit der Moderne geht eine Freisetzung von Individuen aus gesellschaftlichen Strukturverbindlichkeiten einher. Dies kann einerseits positiv als Befreiung (von Ständen, Zwängen, Familienbanden) oder als sozialer Aufstieg erfahren werden. Andererseits sind eben diese Aspekte stets Quellen von Entfremdung, Entsolidarisierung und Vereinzelung bzw. Anomie. Hinsichtlich gegenwärtiger Digitalisierung potenzieren sich diese Momente, aber aus meiner Sicht führt dies nicht zu einem qualitativen Umschlag. Vielmehr wird das Projekt der Moderne nun in seiner Radikalität vollends sichtbar – statt mechanischer Prothesen gibt es nun human enhancement, statt vorwiegend nationalstaatlicher Mobilität erscheint diese nun global, statt im Rückblick gemächlicher technischer Veränderungen erscheinen diese nun extrem beschleunigt und vielleicht als letzten Aspekt: statt einem v.a. in der Berufswelt erfahrbaren Veränderungs- und Optimierungsdruck ist dieser nun in unserer Lebens- und Alltagswelt vollends angekommen.

Was möchtest du unseren Studierenden mit auf den Weg geben, damit sie den digitalen Umbruch meistern können?

Die gegenwärtig aufscheinenden Möglichkeiten durch die weitgehende Digitalisierung unseres Lebens basieren zumeist auf eher langweiligen, weil langfristigen Strukturen und Institutionen. Diese geraten heute zumeist aus dem Blick oder werden als veränderungswürdig betrachtet – denken Sie nur an Generationenfolge und Familie oder Sozialstaat und Rentenversicherung. Gerade wenn man von den disruptiven Möglichkeiten der Digitalisierung fasziniert ist, sollte man auf die Bedingungen der Möglichkeiten schauen. Diese sind in den seltensten Fällen technischer Natur, zumeist sind es eher historisch-soziale Gegebenheiten – und sei es die künftig zu erwartende nicht unerhebliche Erbschaft, die den derzeitig prekären Status als freelancer etwas abfedern hilft…
Mir geht es dabei nicht um einen falsch verstandenen Konservatismus, sondern darum, dass sich künftige Disruptionen mit den bestehenden evolutionären Errungenschaften messen müssen. Sie müssen sinnvolle funktionale Äquivalente anbieten. Ich denke deswegen, dass aus den historischen Brüchen und Verschiebungen zumindest innerhalb der Moderne sehr viel für die Einschätzung der derzeitigen Lage gelernt werden kann – um wirklich die Welt etwas besser machen zu können.

Stefan Meißner hält am 17.03.2016 seinen Vortrag über Quantified Self.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.